Einleitung: Das Fundament und der Bauunternehmer
Stellen Sie sich vor, ein Bauunternehmer kommt zu Ihnen und sagt: "Ich bin nicht gekommen, um das Fundament Ihres Hauses zu zerstören, sondern um es zu vervollständigen." Würden Sie erwarten, dass er fünf Minuten später Dynamit zündet und das Fundament sprengt? Sicherlich nicht. Seine Handlung würde seiner Aussage direkt widersprechen.
Doch genau so interpretieren viele Christen die berühmten Worte Jesu in der Bergpredigt. Wir lesen den Satz: "Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen" und unser modernes, theologisch geprägtes Gehirn übersetzt das sofort mit: "Aha, er hat es erfüllt, also ist es erledigt. Wir müssen es nicht mehr tun."
Wir setzen das Wort "erfüllen" mit "beenden" oder "abschaffen" gleich. Aber wenn Jesus das Gesetz "beendet" hätte, hätte er genau das getan, was er im ersten Teil des Satzes verneint hat: Er hätte es aufgelöst.
1. Die Grundsatzerklärung des Messias
Jesus (Jeschua) beginnt den Hauptteil seiner Bergpredigt mit einer klaren Warnung vor einem nahenden Missverständnis. Er wusste, dass religiöse Führer ihn beschuldigen würden, gegen Moses zu lehren.
"Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen!"
Matthäus 5,17Wichtiger Hinweis: Im Griechischen steht hier mē nomisēte – "Zieht es nicht einmal in Betracht". Jesus verbietet uns den Gedanken, dass er das Gesetz abschaffen will.
2. Sprachstudium: Was bedeutet "Erfüllen"?
Bedeutung: Wörtlich „niederreißen“, „zerstören“ oder „außer Kraft setzen“.
Das Wort wird im NT auch für das physische Abbrechen von Gebäuden verwendet – etwa bei der Prophezeiung über die Zerstörung des Tempels (z. B. Mt 26,61; 27,40; Joh 2,19).
Jesus sagt: „Dazu bin ich nicht gekommen.“ Es ist kein „Abreißkommando“.
Bedeutung: „Voll machen“, „vollziehen“, „vollständig predigen“ oder „zum vollen Maß bringen“.
Das Bild des Glases: Stell dir ein Glas vor, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist. „Erfüllen“ bedeutet hier nicht, das Wasser wegzuschütten, sondern das Glas bis zum Rand zu füllen.
Die Logik der Erfüllung:
Wenn ein Ehemann sagt, er wolle sein Eheversprechen „erfüllen“, meint er damit nicht, dass die Ehe nun beendet ist, weil er sein Versprechen „erledigt“ hat. Im Gegenteil: Er meint, dass er es in seiner ganzen Tiefe und Treue ausleben wird.
Das rabbinische Idiom: Richtig oder falsch auslegen
In der jüdischen Gelehrtenwelt zur Zeit Jesu gab es das Bewusstsein, dass man die Tora richtig oder falsch auslegen konnte. Entsprechend konnte der Ausdruck „Gesetz erfüllen“ nahelegen, die Tora in ihrer vollen Bedeutung zu verstehen und zu leben, während „Gesetz auflösen“ als falsche Deutung verstanden wurde.
Jesus sagt also: „Ich bin nicht gekommen, um die Tora durch falsche Auslegung ungültig zu machen, sondern um euch ihre wahre, tiefe Bedeutung zu zeigen und sie in Liebe perfekt vorzuleben.“
3. Wie lange gilt das Gesetz?
"Denn wahrlich, ich sage euch, bis daß Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Jota noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist."
Matthäus 5,18 (SCH1951)Jesus nennt zwei Bedingungen:
- 🌍 Himmel und Erde müssen vergehen: Solange beide existieren, bleibt das Gesetz.
- ✅ Alles muss geschehen sein: Solange nicht alle Prophezeiungen erfüllt sind und es noch Leid und Tod gibt, bleibt die Tora bestehen.
"Solange Himmel und Erde existieren, existiert jedes 'Jota und Strich' der Tora."
4. Der Maßstab im Königreich
Jesus definiert die Rangordnung im Himmelreich über das Verhältnis zur Tora.
"Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Leute so lehrt, der wird der Kleinste genannt werden im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, der wird groß genannt werden im Reich der Himmel." Matthäus 5,19 (SCH2000)
Der Geringste
Er setzt selbst die kleinsten Gebote herab und motiviert andere dazu, es ihm gleichzutun. Er verliert zwar nicht seinen Platz im Himmelreich, mindert aber dessen geistliche Qualität durch Ungehorsam.
Der Große
Er zeichnet sich dadurch aus, dass sein Leben und seine Lehre eine Einheit bilden. Wahre Größe zeigt sich in der Treue zum Detail und einem Gehorsam, der aus Liebe zum Gesetzgeber entspringt.
5. Fazit: Jesus ist die lebendige Tora
Das Ziel der biblischen Heilsgeschichte ist nicht die Freiheit vom Gesetz, sondern die Freiheit zum Gehorsam. Jesus (Jeschua) hat das Gesetz nicht abgeschafft, damit wir es ignorieren können, oder um einen Zustand der Beliebigkeit zu schaffen. Er hat es „erfüllt“ (plēroō), indem Er es als erster Mensch in vollkommener Treue und Tiefe gelebt hat. Er tat dies nicht, um uns als „Ersatz“ vom Handeln zu entbinden, sondern um unser vollkommenes Vorbild zu sein.
Ihm nachzufolgen bedeutet daher weit mehr als nur ein Lippenbekenntnis; es bedeutet, so zu wandeln, wie Er gewandelt ist (1. Johannes 2,6). In Ihm sehen wir die Tora nicht mehr als eine Liste von Verboten auf kaltem Stein, sondern als lebendige, atmende Liebe zum Vater. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes (Johannes 1,14). Wer den Messias liebt, wird auch das lieben, was Er liebte: die heiligen Weisungen seines Vaters. Gehorsam ist im Neuen Bund kein Versuch, das Heil zu verdienen, sondern der sichtbare Ausdruck unserer Gemeinschaft mit dem Sohn, der in perfektem Gehorsam zum Vater lebte (Johannes 15,10).
Mythos | Biblische Wahrheit
Mythos
Befreiung vom Tun
Jesus hat das Gesetz für uns gehalten, damit wir es nicht mehr halten müssen.
Wahrheit
Vorbild im Tun
Jesus lebte die Tora vor, um uns den Weg der Heiligung zu
zeigen und uns durch seinen Geist zur Nachfolge zu
befähigen.
(1. Petrus 2,21; Römer 8,4)
Mythos
Gegensatz
Man kann entweder Jesus nachfolgen oder die Tora beachten – beides geht nicht.
Wahrheit
Einheit
Jesus ist die lebendige Tora. Ihm nachzufolgen bedeutet
untrennbar, nach den Maßstäben Gottes zu leben.
(Johannes
14,15; Offenbarung 14,12)
Mythos
Gesetzlosigkeit
Die „Freiheit in Christus“ bedeutet, dass Gottes Anweisungen (Sabbat, Speise etc.) keine Rolle mehr spielen.
Wahrheit
Freiheit zum Dienst
Wahre Freiheit ist die Befreiung von der Sklaverei der
Sünde, um nun Gott nach seinen eigenen Regeln dienen zu
können.
(Römer 6,18-22; Jakobus 1,25)
Hausaufgabe
Vorbereitung auf Lektion 1.3
01 Die Haltung der Beröer
Bitte lies den Textabschnitt Apostelgeschichte 17,10-15 aufmerksam durch und beantworte die folgenden Fragen:
- Die innere Haltung: Wie beschreibt Lukas die Reaktion der Juden in Beröa auf die Verkündigung des Paulus? Unterscheide dabei zwischen ihrer emotionalen Bereitschaft und ihrem intellektuellen Vorgehen.
- Die Prüfinstanz: Paulus lehrte damals „neue“ Dinge über den Messias. Woran genau prüften die Beröer den Wahrheitsgehatl seiner Lehren?
- Reflexionsfrage: Welches „Neue Testament“ stand ihnen zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung? (Was bedeutet das für unsere heutige Definition von „Bibeltreue“?)
- Das Urteil des Geistes: Lukas bezeichnet die Beröer als „edler“ (eugenesteros) als die Juden in Thessalonich. Worin genau bestand diese Charaktereigenschaft?
- Transfer: Inwiefern fordert das Beispiel der Beröer unsere heutige Tradition heraus, Lehren primär an kirchlichen Dogmen statt an der Tora und den Propheten zu messen?
Dein Ziel: Verstehe tiefgreifend, dass für die Urgemeinde die „Schrift“ (das Alte Testament) die alleinige und abschließende Instanz war, um die Wahrheit über den Messias zu bestätigen.