Stellen Sie sich vor, Sie lesen eine Biografie über einen liebenden Vater. Im ersten Teil des Buches wird er als strenger, prinzipientreuer Erzieher beschrieben, der seinen Kindern klare Regeln gibt: "Fasst nicht auf die heiße Herdplatte!", "Spielt nicht auf der Autobahn!"
Er nennt diese Regeln ewig, weil die Gefahr für das Leben seiner Kinder ewig besteht. Doch im zweiten Teil des Buches behauptet der Autor plötzlich, dieser Vater habe sich grundlegend geändert. Weil er seine Kinder nun liebt - was impliziert, er habe es vorher nicht getan - , seien alle bisherigen Regeln aufgehoben. Die Kinder dürften nun auf der Autobahn spielen, weil sie nicht mehr "unter den Regeln", sondern "unter der Gnade" seien.
Klingt das logisch? Oder klingt es nach einem gefährlichen, lebensbedrohlichen Missverständnis? Leider ist genau dies das Bild, das der sogenannte Dispensationalismus oft vermittelt. Es ist eines der dominantesten, theologischen Systeme in der modernen, evangelikalen Welt, doch bei näherer Betrachtung offenbart es Risse im Fundament unseres Gottesbildes, denn es steht geschrieben:
"Denn ich, der HERR, verändere mich nicht; deshalb seid ihr, die Kinder Jakobs, nicht verzehrt worden."
Maleachi 3,61. Die Zerstückelung der Bibel
Der Begriff Dispensationalismus leitet sich vom griechischen Wort oikonomia (Haushaltung/Verwaltung) ab. Diese Lehre unterteilt die Menschheitsgeschichte in meist sieben strikt voneinander getrennte Epochen bzw. Zeitalter. In jedem Zeitalter, so die Theorie, prüft Gott den Menschen unter einer jeweils anderen Verwaltungsordnung. In dieser Form wird der Dispensationalismus häufig auch mit der sogenannten Ersatztheologie in Verbindung gebracht, da Israel und Gemeinde theologisch voneinander getrennt und unterschiedliche Heilswege angenommen werden.
Das Problem ist die Behauptung, dass in den verschiedenen Epochen unterschiedliche Prinzipien der Errettung oder der Moral gelten.
Unschuld (Eden):
Der Zeitraum von der Schöpfung bis zum Sündenfall. Der Mensch lebte in direkter Gemeinschaft mit Gott.
Gewissen:
Die Zeit vom Sündenfall bis zur Sintflut. Gott leitete den Menschen – nach dieser Lehre – primär durch sein inneres moralisches Empfinden.
Menschliche Regierung:
Die Ära von Noah bis zum Turmbau zu Babel. Hier wurde dem Menschen erstmals die Verantwortung für die rechtliche Ordnung und das Gericht übertragen.
Verheißung:
Von der Berufung Abrahams bis zum Berg Sinai. Die Beziehung zu Gott basierte in dieser Phase auf den Verheißungen an die Erzväter.
Gesetz (Sinai bis zum Kreuz):
In diesem Modell wird diese Zeit oft als „Bund der Werke“ bezeichnet. Es wird gelehrt, dass Gott hier das Gesetz gab, um die Sündhaftigkeit des Menschen aufzuzeigen. Das Scheitern Israels unter dieser Ordnung soll demnach bewiesen haben, dass das Gesetz als Heilsweg nicht funktioniert.
Gnade (Gemeindezeitalter):
Das jetzige Zeitalter. In dieser Sichtweise wird die heutige Zeit oft als eine „Einschaltung“ oder „Klammer“ betrachtet, in der das Gesetz keine Gültigkeit mehr besitzt und ausschließlich der Glaube zählt. Das Volk Israel gilt in dieser Theorie als vorübergehend „auf Eis gelegt“, während Gott nun mit der Gemeinde aus den Nationen handelt.
Königreich:
Das Millennium. Die zukünftige Herrschaft Christi auf Erden nach seiner Wiederkunft.
2. Die Lüge der "Werksgerechtigkeit" im "Alten Testament"
Ein Kernfehler dieses Systems ist die Annahme: "Früher (vor der Zeit Jesu) wurden Menschen durch das Halten des Gesetzes gerettet, heute werden wir durch Glauben gerettet."
Das ist theologisch unmöglich und biblisch falsch.
Die Annahme, Gott habe seinen Heilsplan im Laufe der Zeit grundlegend geändert,
ist theologisch unmöglich und biblisch falsch. Niemals seit der Erschaffung der Erde
wurde ein sündiger Mensch durch das Einhalten von Regeln gerettet.
Das Gesetz (die Torah) wurde nie gegeben, um Menschen zu erlösen oder einen
Weg zur Selbstrechtfertigung zu ebnen.
Paulus beschreibt die Funktion der göttlichen Weisung treffend mit dem Bild
eines Spiegels (Römer 3,20): Ein Spiegel zeigt uns mit absoluter Präzision,
dass das Gesicht schmutzig ist – aber niemand käme auf die Idee, sich mit dem Spiegel
waschen zu wollen. Er diagnostiziert das Problem der Sünde, aber er ist nicht die Therapie.
Die Reinigung von der Schuld geschah zu jeder Zeit ausschließlich durch die Gnade Gottes und
das Vertrauen auf sein rettendes Handeln.
Lies dazu bitte Hebräer Kapitel 11, das die Helden des Glaubens beschreibt.
Mythos vs. Wahrheit
Mythos: Im Alten Testament
gab es keine Gnade, nur Gesetz.
Wahrheit:
"Noah aber fand Gnade in den Augen des HERRN" (1.
Mose 6,8) – lange vor dem Gesetz am Sinai.
Mythos: Im Alten Testament
wurde man durch Werke gerecht.
Wahrheit:
"Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit
angerechnet" (1. Mose 15,6). Der Weg zum Heil war
immer der Glaube.
Mythos: Das Gesetz war eine
Bedingung für die Errettung.
Wahrheit:
Aus Gnade rettete Gott Israel zuerst aus Ägypten und gab ihnen
erst danach am Sinai das Gesetz. Gehorsam ist die
Reaktion auf die Errettung, nicht ihre Ursache.
Ein fundamentales Prinzip der Bibel ist die Reihenfolge von Erlösung und Gehorsam. Gott forderte von den Israeliten nicht den Gehorsam gegenüber der Torah ein, damit Er sie aus Ägypten befreit. Er befreite sie zuerst durch einen reinen Akt der Gnade und das Blut des Passahlammes (2. Mose 12). Erst, als sie bereits ein erlöstes Volk waren, empfingen sie am Sinai die Gebote.
Daraus folgt eine zeitlose Wahrheit: Gehorsam gegenüber Gottes Wort ist niemals die Ursache der Errettung, sondern immer die dankbare Reaktion darauf. Wir halten die Gebote nicht, um Kinder Gottes zu werden, sondern weil wir durch den Messias bereits Kinder Gottes sind. Die Torah ist somit kein Joch der Knechtschaft, sondern der Schutzraum und die Weisung für ein Leben in Freiheit und Heiligung (Römer 7,12; 1. Johannes 5,3).
3. Gott ändert seine Definitionen nicht
Ein zentrales Missverständnis besteht in der Annahme, Gott würde seine Definitionen von Moral und Heiligkeit
je nach Zeitalter anpassen. Doch wenn Gott am Sinai erklärte, dass Ehebruch eine Sünde ist oder dass
bestimmte Tiere nicht als Nahrung vorgesehen sind
(3. Mose 11), dann tat Er dies nicht willkürlich.
Er tat es, weil Er heilig ist und vollkommen weiß, was für den Menschen gut und förderlich ist.
Würde Gott diese Maßstäbe im „Zeitalter der Gnade“ widerrufen, ließe dies auf eine Veränderung seines Charakters oder seiner Weisheit schließen.
Die Schrift bezeugt jedoch das Gegenteil: Bei Gott ist „keine Veränderung noch ein Schatten des Wechsels“ (Jakobus 1,17). Was am Sinai als „heilig, gerecht und gut“ definiert wurde (Römer 7,12), kann heute nicht plötzlich als „schlecht oder veraltet“ gelten. Die Torah ist weit mehr als eine bloße Gesetzessammlung; sie ist der schriftlich niedergelegte Charakter Gottes. Da Gott sich nicht wandelt, bleiben auch die Prinzipien seiner Weisung bestehen.
4. Der Neue Bund ist keine Abschaffung
Oft wird der Neue Bund als Beweis für die Abschaffung des Gesetzes angeführt. Doch ein Blick in die prophetische Definition dieses Bundes zeigt ein anderes Bild. Gott verspricht in Jeremia 31,33 nicht, ein neues oder anderes Gesetz einzuführen. Er sagt: „Ich will mein Gesetz (Torah) in ihr Inneres legen und sie auf ihr Herz schreiben.“ Der Autor des Hebräerbriefs schreibt über den Neuen Bund:
"[10] sondern das ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel machen will nach jenen Tagen, spricht der Herr: Ich will ihnen meine Gesetze in den Sinn geben und sie in ihre Herzen schreiben, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein."
Hebräer 8:10, SCH1951Der Neue Bund ändert somit nicht den Inhalt des Gesetzes, sondern dessen Aufbewahrungsort. Anstatt auf äußeren Steintafeln ruht die Torah nun im Inneren des gläubigen Menschen. Dies geschieht nicht durch menschliche Anstrengung, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes. Gott schenkt uns ein neues Herz und legt seinen Geist in uns, damit wir befähigt werden, in seinen Satzungen zu wandeln und seine Rechte zu bewahren.
"[25] Ich will reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet; von aller eurer Unreinigkeit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. [26] Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; [27] ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Satzungen wandeln und meine Rechte beobachten und tun."
Hesekiel 36:25-27, SCH1951Gnade ist also nicht die Erlaubnis zur Gesetzlosigkeit, sondern die göttliche Kraft zum Gehorsam aus Liebe.
Mythos vs. Wahrheit (Fortsetzung)
Mythos:
Wandelbare Moral
Im Neuen Bund hat Gott seine Definitionen von Reinheit und Sünde geändert.
Wahrheit: Unveränderlicher Gott
Gottes Charakter und seine Definitionen von Heiligkeit sind ewig und wandeln sich nicht.
(Jakobus 1,17; Maleachi 3,6)
Mythos:
Abschaffung
Der Neue Bund hat das „alte Gesetz“ durch ein „Gesetz der Liebe“ ersetzt.
Wahrheit: Verinnerlichung
Der Neue Bund schreibt dieselbe Torah Gottes durch den Geist direkt in unser Herz.
(Jeremia 31,33; Hebräer 8,10)
Mythos:
Freiheit von Geboten
Unter der Gnade sind wir frei von der Verpflichtung, Gottes Anweisungen zu folgen.
Wahrheit: Befähigung zum Dienst
Der Heilige Geist wurde gegeben, damit wir Gottes Weisungen endlich von Herzen tun können.
(Hesekiel 36,26-27; Römer 8,4)
Wenn wir diese Punkte zusammenfügen, erkennen wir eine wunderbare Harmonie:
Gott rettet uns durch Gnade, gibt uns eine neue Identität und schreibt uns dann seine lebensspendenden Weisungen ins Herz.
Der Neue Bund ist keine Abkehr von Gottes ursprünglichem Willen, sondern dessen vollkommene Wiederherstellung im Leben des Gläubigen.
Wenn das Gesetz nicht abgeschafft ist, was meinte Jesus dann mit "Erfüllen"?
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