Dies ist wohl die emotionalste Barriere für viele Christen, die beginnen, den Wert der Torah zu entdecken. Wir lesen die wunderbaren Gebote, den Sabbat, die Feste – und plötzlich flüstert eine Stimme (oder ein Theologe) uns ins Ohr: „Das ist schön, aber das ist jüdisch. Das ist nicht für dich. Du bist ein Heide.“
Es scheint auf den ersten Blick logisch: Gott schloss den Bund am Sinai mit Israel, nicht mit Ägypten oder Babylon. Wenn wir also nicht jüdisch sind, warum sollten wir uns um die Bedingungen dieses Bundes kümmern? Doch diese Sichtweise übersieht ein gewaltiges Detail in der Torah selbst: Gott hat die Tür für die Nationen nie verschlossen.
1. Wer ist „Israel“?
Viele definieren „Israel“ heute ausschließlich ethnisch als die biologischen Nachkommen Jakobs. Das ist zwar ein wesentlicher Aspekt, aber biblisch gesehen ist Israel von Anfang an mehr als eine reine Blutlinie – es ist eine Bundesgemeinschaft (Römer 9,6-8).
Schon beim Auszug aus Ägypten berichtet die Bibel, dass ein „großes Mischvolk“
(2. Mose 12,38) gemeinsam mit den Israeliten auszog.
Diese Menschen aus den Nationen standen zusammen mit den Nachkommen Jakobs
am Berg Sinai und hörten die Stimme Gottes.
Sie alle traten gemeinsam in denselben Bund ein (5. Mose 29,10-12).
Von Anfang an war die Definition von Gottes Volk offen für jeden,
der sich dem Gott Israels anschließen wollte (Jesaja 56,6-7).
Gott betonte mehrfach, dass innerhalb dieser Gemeinschaft kein Unterschied gemacht werden darf:
Es gilt dieselbe Torah sowohl für den Einheimischen als auch für den Fremden,
der sich dem HERRN zuwendet (2. Mose 12,49; 4. Mose 15,15-16).
Wer den Gott Israels erwählt, dessen Volk wird auch zu seinem Volk (Ruth 1,16).
Diese historische Realität ist das entscheidende Fundament, um die Lehre des Neuen Testaments zu verstehen: Wenn Menschen aus den Nationen heute durch den Messias Jeschua zum Glauben kommen, werden sie nicht Teil einer neuen, getrennten Religion. Vielmehr werden sie als „wilde Zweige“ in den bestehenden „edlen Ölbaum“ Israels eingepfropft (Römer 11,17) und erhalten volles Bürgerrecht in der Gemeinschaft Gottes (Epheser 2,12.19).
Prüfe wie ein Beröer:
Die Bibelstellen in den Klammern dienen dir als Fundament,
um unsere Thesen direkt an der Schrift zu messen (Apostelgeschichte 17,11).
Glaube nicht einfach unseren Worten, sondern werde selbst zum Forscher im Wort Gottes.
2. Das Geheimnis des „Ger“ (Fremdling)
In der Torah begegnen wir immer wieder dem hebräischen Wort Ger (Fremdling/Gast). Dies bezeichnete jemanden aus den Nationen, der sich entschied, unter dem Volk Israel zu leben und dessen Gott zu dienen. Wurden für diese Menschen andere Regeln aufgestellt? Gab es ein „Gesetz light“ für die Nicht-Juden?
Lassen wir die Schrift selbst antworten:
„Einerlei Gesetz und einerlei Recht soll für euch und für den Fremdling (Ger) gelten, der als Gast bei euch weilt.“ — 4. Mose 15,16
„Die Gemeinde soll ein und dieselbe Satzung haben für euch und für den Fremdling... Vor dem HERRN soll der Fremdling euch gleich sein.“ — 4. Mose 15,15
4. Mose 15,16 & 15,15
Gott macht hier keinen Unterschied.
Er sagt:
Vor dem HERRN sind sie gleich. Wer zum Gott Israels gehört,
lebt nach den Regeln seines Hauses.
Es gibt im Reich Gottes keine Zwei-Klassen-Gesellschaft mit unterschiedlichen Gesetzbüchern.
3. Epheser 2: Eingebürgert, nicht ersetzt
Im Neuen Testament greift Paulus dieses Konzept radikal auf.
In Epheser 2 beschreibt er die Situation der Heiden vor und nach dem Glauben.
„Darum gedenkt daran, dass ihr, die ihr einst Heiden im Fleisch wart und Unbeschnittene genannt wurdet von der sogenannten Beschneidung, die am Fleisch mit der Hand geschieht — dass ihr in jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen von der Bürgerschaft Israels und fremd den Bündnissen der Verheißung; ihr hattet keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt. Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe gebracht worden durch das Blut des Christus.“ — Epheserbrief 2,11-13
"So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge ohne Bürgerrecht und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen" — Epheserbrief 2,19
Epheserbrief 2,11-13. 19 SCH2000Vorher (Ohne Christus)
Ohne Bürgerrecht. Fremdlinge. Ohne Hoffnung. Ohne Gott in der Welt. Das Gesetz Israels interessierte uns nicht, weil wir nicht zum Volk gehörten.
Jetzt (In Christus)
„So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Epheser 2,19).
Wenn wir nun Mitbürger sind, gilt dann nicht auch die Verfassung des Volkes Israel (die Torah) für uns? Stellen Sie sich vor, Sie wandern in ein Land ein und werden eingebürgert. Das Einbürgerungsamt würde Ihnen sagen: "Glückwunsch zur Einbürgerung! Als Mitbürger ist es nun Ihre Aufgabe, sich an unsere geltenden Gesetze und unsere Lebensweise anzupassen."
Auflösung der Hausaufgabe: Die Mauer der Satzungen (Epheser 2,14–15)
Der biblische Text (Eph 2,14–15 SCH2000)
„[14] Denn Er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und die Scheidewand des Zaunes abgebrochen hat,
[15] indem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen hinwegtat,
um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen und Frieden zu stiften.“
1. Die „Scheidewand des Zaunes“: Menschliche Tradition vs. Gottes Weisung
Paulus bezieht sich hier symbolisch auf die Trennmauer im Tempelareal, den sogenannten Soreg.
Menschliche Hinzufügung: Diese Mauer war kein Gebot der Torah, sondern eine spätere menschliche Instanz. Sie trennte den „Vorhof der Nationen“ von den den Juden vorbehaltenen Bereichen. Tödliche Grenze: Inschriften an dieser Mauer warnten Nichtjuden davor, sie bei Todesstrafe zu überschreiten.
Symbol der Ausgrenzung: Die Mauer versinnbildlichte die „Satzungen“ (griech. dogmasin). Damit sind nicht Gottes Gebote gemeint, sondern die spezifischen Auslegungen und Barrieren der damaligen Zeit, die den Zugang zum Bund Gottes für Nichtjuden faktisch blockierten (z. B. die Forderung, erst rituell zum Juden zu werden, um gerettet zu sein).
2. Was Christus wirklich „abgetan“ hat
Oft wird missverstanden, dass Christus das Gesetz Gottes (die Torah) abgeschafft habe.
Doch der Kontext zeigt ein anderes Bild:
Beseitigung der Feindschaft: Christus hat nicht die göttliche Ordnung aufgehoben, sondern die Feindschaft,
die durch die künstlichen, ausgrenzenden Barrieren entstanden war. Einreißen des Dogmas:
Er riss die „Soreg-Mauer“ im übertragenen Sinne ein.
Er hob die Satzungen auf, die besagten: „Du darfst nur dazugehören, wenn du nach menschlichen Zusatzregeln rituell ein Jude wirst.“
Gleichberechtigter Zugang: Durch sein Opfer am Kreuz wurde die Exklusivität der religiösen Elite beendet. Der Weg zum Vater ist nun für Menschen aus allen Nationen durch den Glauben frei.
3. Die Konsequenz: Ein gemeinsames Bürgerrecht im Reich Gottes
Durch das Einreißen der trennenden Mauern zwischen den Völkern vollzieht sich laut Epheser 2,19 eine fundamentale Statusänderung:
Wir sind nicht länger Gäste oder Beisassen, sondern „Mitbürger der Heiligen“.
Dies ist kein bloßes religiöses Etikett, sondern eine rechtliche Neupositionierung innerhalb des Planes Gottes.
Vollwertige Bürgerschaft (Politeia): Wir haben nun direkten Anteil an der Bürgerschaft Israels. Das Blut des Messias hat die „menschlichen Satzungen“, die als Trennwand fungierten, beseitigt. Wir sind nun vollwertige Mitglieder mit denselben Rechten und Segnungen wie das bereits bestehende Volk Gottes – eingepfropft in denselben edlen Ölbaum.
Miterben der Bündnisse: Unser Status als Mitbürger bedeutet, dass wir Miterben und Mitteilhaber an den Bündnissen (Plural) der Verheißung sind. Der Neue Bund ist kein isoliertes Ereignis, sondern der „Erneuerte Bund“, der die Verheißungen an Abraham, am Sinai und an David bestätigt und für uns zugänglich macht. Durch den neuen Bund haben wir also an allen anderen Bündnissen Israels Anteil. (vgl. Epheser 2,12).
4. Die Torah als lebendige Verfassung:
Als Mitbürger des Reiches Gottes treten wir in seinen Rechtsraum ein. Die Torah ist die verbindliche Gesetzgebung seines Königreiches
– der Maßstab der Heiligkeit, durch den das Leben in diesem Gemeinwesen geregelt und ausgerichtet wird.
Vom Fremden zum loyalen Bürger: Ein Bürger definiert sich durch seine Identifikation mit dem Gesetz seines Staates. Da wahrer Glaube unweigerlich zum „Glaubensgehorsam“ führt, wird die Torah für uns zur wertgeschätzten Hausordnung. Sie ist nun in unser Herz geschrieben, sodass wir sie nicht aus Zwang, sondern aus Liebe und Treue gegenüber unserem König halten.
Fazit
Epheser 2,15 schafft nicht Gottes Weisung ab, sondern die menschliche Ausgrenzung, um den Weg zur göttlichen Ordnung frei zu machen.
Wir sind nicht länger Fremde ohne Rechte, sondern vollwertige Bürger, die eingeladen sind, nach den lebensspendenden Prinzipien (Torah)
ihres Königs zu leben.
Hausaufgabe
Vertiefung Lektion 2.1: Identitäts-Check
01 Quellenstudium
Lies bitte die folgenden Bibelstellen aufmerksam durch:
- 2. Mose 12,49
- 3. Mose 24,22
- 4. Mose 15,15-16
Erkenntnis: Gott macht in Seiner Rechtsordnung keinen Unterschied zwischen dem „geborenen Israeliten“ und demjenigen, der sich dem Gott Israels anschließt. Es gibt keine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ vor Gott.
02 Reflexion
Deine Antwort auf die Identitätsfrage, wenn Dich jemand fragt:
„Warum hältst du Gebote (wie Sabbat, Speisegebote usw.), die doch eigentlich den Juden gegeben wurden?“
Wie lautet deine Antwort auf Grundlage von Epheser 2,19?
Warum ist es entscheidend, dass in Epheser 2,12 von Bündnissen im Plural die Rede ist?
Welche Bündnisse könnten damit gemeint sein, und welche Segnungen gehen aus ihnen hervor?
Die Antworten dazu findest Du in folgenden Bibelstellen:
- 1.Mose 12,1–3
- 1.Mose 15,1–21
- 1.Mose 17,1–14
- 1. Mose 9,9–17
- 1.Mose 22,15–18
- 1.Mose 26,2–5
- 1.Mose 28,13–15
- 2.Mose 19,5–6
- 2.Mose 24,1–11
- 4. Mose 25,12–13
- 2. Samuel 7,8–16
- 1. Chronik 17,7–15
- Psalm 89,4–5
- Psalm 89,35–38
- Psalm 132,11–12
03 Zusatzstudium
Lies bitte den Bibelabschnitt Römer 11,1–36 und forsche anschließend zu folgenden Fragen (mit Hilfsstellen):
- ● Was ist die Wurzel des Ölbaums? (Röm 11,16–18; Jes 11,1.10; Gal 3,16; Joh 15,1–5)
- ● Wer sind die natürlichen Zweige? (Röm 9,4–5; Röm 11,1–2.16; 2. Mose 4,22)
- ● Wer sind die eingepfropften (anderen) Zweige? (Röm 11,17–24; Eph 2,11–19; Gal 3,26–29)
- ● Was ist die Fettigkeit / der Lebenssaft des Ölbaums? (Röm 11,17; Ps 36,9; Ps 1,1–3; Ps 19,8–11; Ps 119,97–105; Jer 31,33; Hes 36,26–27; Spr 3,13–18; Jes 55,10–11)
- ● Wie könnten die Juden dadurch zur Eifersucht gereizt werden? (Röm 10,19; Röm 11,11.14; 5. Mose 4,6, 5. Mose 32,21)
- ● Warum werden bestimmte Zweige herausgebrochen? (Röm 11,20–22; Hebr 3,12–19; Joh 15,6)
- ● Was könnte das alles mit dem Bürgerrecht in Israel zu tun haben, und wie steht dieses Bild im Zusammenhang mit dem Gesamtzeugnis der Schrift? (Eph 2,12–19; Phil 3,20; Jes 56,6–8; Sach 2,15)
Erkenntnis: Gott macht in Seiner Rechtsordnung keinen Unterschied zwischen dem „geborenen Israeliten“ und demjenigen, der sich dem Gott Israels anschließt. Es gibt keine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ vor Gott.